|
|
Vor Adam verschließt sich der Himmel in lauter Wolken und wo er Gott sah, da ist er nicht mehr. Um ihn herum verwandelt sich das grüne Meer an fruchtbaren weichem Gras in eine wilde Wiese voller Tiere, die sich gegenseitig auflauern und jagen und seine Söhne und Töchter verbergen voreinander ihren Körper aus Scham. Es beginnt zu regnen. Doch wo er früher das Ergießen von Wasser für all das Lebendige sah, ist nun auch die Gefahr des Wassers zugegen; Gesundheit, Überleben – neue Wörter bilden sich in Adams Geist. Doch trotz unsichtbarem Gott - immer noch blickt Adam jeden Tag hinaus in das weite Land, Gottes Geist suchend, aber nicht mehr sehend. Fast schon, als wäre er nie da gewesen, erscheint es ihm. Seine Stimme hatte damals gedonnert, und es war wie ein Blitz durch Adams Herz gefahren - auch Blitze sieht er nicht mehr als wundersames Schauspiel, sondern erkennt die Gefahr des Todes darin – als er ihn verbannt hatte. Wo auch immer Gott ist, er ist nicht mehr da.
Es gilt, seinen Söhnen, Töchtern und Enkelkindern Obdach zu geben, Streite zu schlichten, Neid auszuräumen. Ein langes Leben liegt vor ihm, mit einer ungewissen Zukunft, und Gottes Wärme fehlt ihm mehr, denn je. Zudem ist das Vertrauen zu seiner Frau auch angeschlagen. Über Generationen wird sich das Bild der Schlange in seine Nachfahren als etwas einprägen, vor dem man sich in Acht nehmen sollte, weil das Tier mit Gift in die Fersen sticht. Gottes Anwesenheit ist kein Garant mehr, und so gilt es bei jeder Entscheidung an eine Erinnerung zu vertrauen, dass einst ein Herr da war. Und wie wird es mit den Kindern aussehen, die ihn niemals gesehen und gehört haben? Das Vertrauen ist zerstört. Noch Jahrhunderte wird der Mensch erleben, wie er aus einer Geborgenheit der Eltern in eine Welt hinausfällt, wo jedes Wesen ihm nach dem Leben, nach dem Besitz trachten könnte. Auch erlebt Jahrtausende später ein Mann aus Samarien die Frage nach dem Vertrauen, als er einen Fremden am Wegesrand liegen sieht. Kann man stehen bleiben und sich zu ihm hinabbeugen? Ist da nicht die Gefahr, dass es ein Trick eines Wegelagerers ist und bald das Messer gezückt am eigenen Halse droht? Oder birgt der Dahinsiechende etwa eine Krankheit, die ihn wegraffen wird? Kann man ihn tatsächlich mit ins eigene Heim nehmen und unbehelligt lassen, wo Frau und Kinder sind? Verschwindet am nächsten Tag nicht das Hab und Gut, oder es geschieht eine Schreckenstat? Wird Gott bei mir sein, wenn ich diesem Kranken entgegentrete? Wird er mich vor Übel beschützen, wenn ich im Tal des Todes entlang wandere? Werden mir andere Menschen Leid zufügen, wenn ich ihnen Liebe und Respekt entgegenbringe; wird mich Staat und Polizei mit Recht verteidigen, wenn ich bedroht werde? Oder wird die Korruption siegen, sodass sich ein ungewollter Feind über mich erhebt und mich in den Sand trampelt? Wird meine Schwachheit, wenn ich es zugebe, tatsächlich zu meiner Stärke? Oder war Paulus, als er dies schrieb einfach nur ein Spinner aus einer jüdischen Sekte? Eventuell steht man an der Spitze einer riesigen Macht, einer Firma, voller Erfolg, umgeben von lauter anderen Menschen. Und jene sollen zusammenarbeiten um ein gemeinsames Ziel zu erreichen. Doch kann ich meinen Mitarbeitern vertrauen? Kann ich Aufgaben delegieren, obwohl es mich Kopf und Kragen kosten könnte, wenn derjenige versagt? Oder mache ich lieber alles selbst, voller Frust über die Unzurechenbarkeit der anderen Menschen…
Wird diese Frau meine Liebe annehmen und erwidern, oder wird sie mich in zehn Jahren verlassen, weil jemand besser ist als ich? Jeden Tag könnte mich ein Schicksalsschlag treffen, eine Krankheit, ein Fehler, der mich in den Augen der anderen entwertet. All das Geld, die Zeit, das Vertrauen in eine andere Person könnte ausgenutzt werden. Freunde könnten sich zusammenschließen und in mir all das entdecken, was ich versuche von der Welt zu verbergen. Wie oft ging ich den eigenen Weg, wie einst Adam es tat, in der Hoffnung ich würde mir damit Mühe und Kosten ersparen. Skelette türmen sich in meinem Keller, die Nacktheit meiner Unvollkommenheit vor dem Spiegel im Badezimmer. Kann ich das Geld einem Freund leihen, oder sehe ich es nie wieder? Wie viel kann ich ihm borgen, mehr als meine Sicherheit es zulässt? Oder kann ich gar mein Leben völlig Gott schenken, alles was mir Lieb ist, in der Hoffnung, er wird immer für mich sorgen? Unser Leben steckt in einer Krise, deren Unüberschaubarkeit in dunklen Stunden einbrechen kann. Dann blickt man aus der Froschperspektive auf die Wolkenkratzer einer riesigen Downtown und hofft voller Angst, sie mögen sich nicht entscheiden einzubrechen und unsereiner tief zu vergraben. Seit Adam sein Urvertrauen in den allmächtigen und liebenden Gott aufgab, und selbst die Kontrolle über Gut und Böse in die Hand nehmen wollte, erleben wir diese Herausforderung stets täglich in unserem Leben. Das Wort Vertrauen, so kurz es klingen mag, fasst in der menschlichen Sprache ein Phänomen zusammen, welches tief in unseren Entscheidungen sitzt. Es steckt in den Wörtern, wie Treue, Entscheidung, Beziehung, Sorge, Angst, Liebe, Hoffnung und Glaube. Es beeinflusst und formt all diese Wörter, und was sie bezeichnen. Es ist eine Lebensaufgabe, das Vertrauen zu Gott wieder zu gewinnen, Vertrauen in Menschen aufzubauen, und auch immer wieder ein Risiko einzugehen, verletzt zu werden. Ein anderes Bild kommt mir entgegen. Da stehen sich zwei Heere gegenüber. Lanze an Lanze sind die Soldaten aufgereiht, ein jeder hoffend, dass das Schild des Nachbarn einen Pfeil abfangen wird. Und vorne, der Befehlshaber, blickt auf das feindliche Heer, das eigene im Rücken. Beide Gewalten haben ein eigenes Ziel, beide wollen nicht weichen. Nun muss der Befehlshaber entscheiden, ob er tatsächlich vor reitet um den feindlichen Befehlshaber zu treffen. Irgendwann ritten Könige vorne in der Schlacht mit, begegneten sich zwischen den Fronten. Genauso stehen wir uns Menschen manchmal gegenüber, nicht wissend, ob der andere all die Regeln einhalten wird. Womöglich strecke ich den Arm aus und es kommt zu einer friedlichen Einigung. Womöglich erliege ich jedoch einer Täuschung und das Licht des Morgensterns erweist sich als trügerisches Gift. Vertrauen kann bedeuten, ein Risiko einzugehen, jemandem etwas anzubieten, was einen verletzbar macht. Es kann absichtlich oder unabsichtlich enttäuscht werden. Auf jeden Fall kann man den anderen nicht mehr alleine dafür verantwortlich machen. Man sitzt nun in einem Boot, ob es sinkt oder fährt. Vertrauen kann aber auch vor Blindheit schützen. Denn wenn mein Gegenüber bereits eine Brücke des Vertrauens hat, so ist es kein Wunschdenken, was ich ihm anbiete. Es ist wie ein Handelsweg, den ich ausbauen kann. Auch Gott zu vertrauen kann ein Risiko bedeuten, denn nicht immer verwendet Gott die Kontrolle die man ihm abgibt dazu, die eigenen Wünsche und Hoffnungen genauso umzusetzen, wie man es sich erwartet. Aber wer an einen Gott aus dem Vertrauen heraus Glauben schenkt, weiß genau, dass Vertrauen sich völlig sicher ist darüber, dass das Resultat unterschiedlich sein kann. Es ist ein Akt der mehr oder minder Risikobewusst gemacht wird. Kein leerer Fanatismus, kein Wunschdenken, keine Selbstaufgabe. Ein Wagnis, ins Feld zu reiten, obwohl zur linken die Kontrollsucht und zur rechten die Ohnmacht steht. Und am Ende steht das Wunder, die Erlösung. Und Adam blickt nach vielen hundert Jahren auf den Himmel, dessen Wolken sich lichten und ein Licht durchscheinen lassen, durch Zeit und Raum, und während er seinen Geist aushaucht sieht er den unsichtbaren Gott wieder.
Gabor Guzmics
|