Magazin

Foto: Helmut Rabenau

140 Jahre Baptisten in Österreich

Gemeindejubiläum am 13. Dezember 2009 Im Archiv der Baptistengemeinde Wien-Mollardgasse finden sich in Leder gebundene „Erinnerungsblätter von der Baptisten-Gemeinde Wien“. Schlägt man dieses historische Dokument auf, wird erkennbar, dass es „Herrn Edward Millard, dem geliebten Ältesten der Gemeinde bei seiner Abreise nach Deutschland gewidmet“ ist, der es im April 1887 erhalten hatte.


Einblick – Durchblick - Ausblick

Edward Millard war im Jahr 1849 im Alter von 27 Jahren als Direktor der „British and Foreign Bible Society“ nach Österreich gekommen und hatte von den Wiener Behörden die Erlaubnis zur Bibelverbreitung erhalten. In sechs Monaten konnte der Baptist fast 7000 Exemplare der damals in Wien gesprochenen Sprachen Deutsch, Böhmisch und Ungarisch verkaufen!

Foto: Archiv der Mollardgasse Bibeln beschlagnahmt! Aber der Erfolg währte nur kurz. Edward Millard wurde durch katholische Priester verleumdet, sein Bibeldepot behördlich geschlossen und er selbst des Landes verwiesen. Einige Gläubige versammelten sich weiterhin – bis 1851 eine polizeiliche Hausdurchsuchung durchgeführt, alle Bibeln und Bücher beschlagnahmt und alle Anwesenden zu Gefängnisstrafen verurteilt wurden.
Im Jahr 1861 wurde durch Kaiser Franz Josef I. das „Protestantenpatent“ erlassen, so dass es unbeschränkt möglich war, evangelisch-religiöse Literatur zu erhalten. Was lag näher, als Bibelgesellschaft erneut um eine Erlaubnis um Bibelverbreitung zu ersuchen? Als nach fast zwei Jahren eine Ablehnung erging, fragte Edward Millard in einem Bericht: „Ist es die Politik der Regierung, öffentliche Religionsfreiheit zu verkünden, sie aber für den privaten Bereich und praktisch zu verleugnen?“

Glaubens- und Gewissensfreiheit? Unterstützt durch den evangelischen Oberkirchenrat konnte Ende 1864 endlich ein Bibeldepot im Wiener Heinrichshof eröffnen werden, und Edward Millard kehrte als Direktor nach Wien zurück. Dennoch unterließ es die katholische Kirche nicht, die Verbreitung der „offenen“, dem Volk zugänglichen Bibel, zu verhindern.
Endlich wurde im Jahr 1867 die Glaubens- und Gewissensfreiheit in Österreich verfassungsrechtlich garantiert. Sollte es nun möglich sein, sich offiziell zu versammeln? Nein, denn nur die Mitglieder anerkannter Kirchen und Religionsgemeinschaften durften ihre Religion öffentlich ausüben.

Taufen und Gemeindegründung Im Dezember 1869 machte Johann Gerhard Oncken auf der Rückreise von seiner großen Reise durch Südrussland und Südosteuropa bei Edward Millard in Wien Station. Bei dieser Gelegenheit wurden am 13. Dezember 1869 – heute vor 140 Jahren - fünf „liebe Gotteskinder“ durch Johann Gerhard Oncken getauft.
Unmittelbar darauf folgte die Gründung der ersten Baptistengemeinde in Österreich, wie in der „Chronick der Gemeinde“, zu finden in den „Erinnerungsblättern“, nachzulesen ist: „Die Gemeinde constituierte sich am 20 Dezember 1869“. Als dabei anwesend werden die Namen von sieben Brüdern und drei Schwestern genannt. Zehn weitere konstituierende Mitglieder befanden sich an diesem Tag in Graz, Altmannsdorf, Klausenburg (Siebenbürgen) und Gr. Kanizsa (Ungarn). Als erster Versammlungsort diente das Haus von Edward Millard, während ein seit 1864 als Bibeldepot genutztes kleines Turmzimmer im 1. Wiener Bezirk für Familienandachten und Hausgottesdienste genutzt wurde.

Existenz als religiöse Minderheit in Geschichte und Gegenwart Mit der Gründung der Baptistengemeinde waren jedoch längst nicht alle Probleme gelöst, denn die Schikanen und Behinderungen durch staatliche Behörden dauerten viele Jahrzehnte an. Dazu muss man wissen, dass die Habsburg-Monarchie eng mit der dominierenden Katholischen Kirche zusammen arbeitete, um die Existenz religiöser Minderheiten zu behindern. Erst im Jahre 1921 war es den Baptisten in Österreich als nicht anerkannte Kirche möglich, durch die Gründung eines bis heute bestehenden „Hilfsvereins“ als juristische Person aufzutreten. Nun erst konnte ein Grundstück erworben werden. Verschiedenen Anträgen zur staatlichen Anerkennung - erstmals 1906, zuletzt 1990 - wurde von Seiten der staatlichen Behörden zunächst mit Verzögerung, dann mit Ablehnung begegnet. Endlich - vor 11 Jahren - bekamen Freikirchen in Österreich eine eigene Rechtspersönlichkeit als Religionsgemeinschaft. Aufgrund der Beschwerde der Adventisten beim Europäischen Gerichtshof sah sich der österreichische Staat gezwungen, im Eiltempo ein Gesetz für die Registrierung von Religiösen kenntnisgemeinschaften zu erlassen. In diesem Gesetz wurden aber die Hürden für die volle Anerkennung noch weiter erhöht! Dem 1953 gegründeten Bund der Baptistengemeinden in Österreich wurde im Jahr 1998 die Rechtspersönlichkeit als staatlich anerkannte eingetragene religiöse Bekenntnisgemeinschaft erteilt. Im Jahre 2009 hat nun der österreichische Bund – nach zehnjähriger Wartefrist - einen neuerlichen Antrag auf volle Anerkennung gestellt und plant im Falle einer Ablehnung eine Beschwerde wegen Nichtgewährung der Religionsfreiheit und Nichtbeachtung des Gleichheitsprinzips.
Auch ohne volle Anerkennung sind die Baptisten heute in der kirchlichen Welt Wiens und Österreichs etabliert. Es gibt zahlreiche und gute Kontakte zur Evangelischen Allianz und zum sog. Runden Tisch, wo u.a. auch die Katholische Kirche vertreten ist. Seit 1924 trifft sich die erste und älteste Baptistengemeinde Österreichs in der Mollardgasse 35, im 6. Bezirk, unweit des Wien-Flusses und des „Naschmarkts“. Das Gemeindehaus dient zur Zeit 139 Gemeindemitgliedern und zahlreichen Freunden der Gemeinde als Versammlungsort für Gottesdienste und Gruppenarbeiten.

Gemeindealltag in der Hauptstadt Österreichs Zur „Moga“ gehören Menschen aller Generationen, verschiedener familiärer und sozialer Hintergründe. Da die Gemeindearbeit sich nicht auf eine Zielgruppe beschränkt, erbringt die Gemeinde eine hohe Integrationsleistung,.
Das Gemeindeleben ist unübersehbar durch Internationalität geprägt. Menschen aus europäischen und außereuropäischen Nationen bringen ihre Prägungen und Kulturen ein. Dies verhindert Engführungen und hat darüber hinaus politische Relevanz in einer Gesellschaft, in der populistische ausländerfeindliche Töne nicht zu überhören sind.
Foto: Ellen Wittenberg Als Großstadtgemeinde begegnet die „Moga“ im 6. Bezirk Wiens verschiedenen Religionen (Islam, Buddhismus u.a.) und ist im „Multireligiösen Forum“ der Religionsgruppen und der Politik eingebunden. Hier gilt es, den eigenen Standpunkt und die eigene Glaubensüberzeugung zu kennen und anderen gegenüber in respektvoller Weise zu vertreten.
Die Gesellschaft in einer Millionenstadt wie Wien weist viele Kennzeichen für einen multioptionalen Lebensstil auf: Es gibt für den Einzelnen scheinbar unbegrenzte Wahlmöglichkeiten zur Lebensgestaltung – was sich in der Realität jedoch als sehr begrenzt erweist. Soziale Strukturen wandeln sich: Ehen und Familien zerbrechen oder setzen sich als Patchworkfamilien neu zusammen; Menschen gehen keine verbindlichen Beziehungen ein, ziehen sich in der Lebensmitte zurück und vereinsamen im Alter. Burnout und Arbeitslosigkeit machen auch vor unserer Gemeinde nicht Halt.

Herausforderung für die Zukunft - Dokumentation der Geschichte Aufgrund der hier skizzierten Beobachtungen wird die Herausforderung für die Zukunft darin bestehen, den Menschen weiterhin mit dem Evangelium in Wort und Tat zu begegnen - nicht in apologetischer oder polemischer Weise, sondern durch die Position eines gewissen Glaubens, der nach dem Willen Gottes für den Einzelnen und nach der Relevanz für die Gesellschaft fragt und der, begründet in der biblischen Botschaft, zeitgemäße Antworten gibt.

Am 13. Dezember 2009 feierte die Gemeinde in der Mollardgasse ihr 140jähriges Jubiläum. Eine illustrierte Festschrift mit zahlreichen historischen und zeitgenössischen Dokumenten (Redaktion: Dr. Helmut Rabenau und Ruth Irmisch-Rabenau) ist unter dem Titel „Einblick – Durchblick – Ausblick“ erschienen und kann über Festschrift@moga.at angefordert und erworben werden.
Mag. Lars Heinrich & Dr. Helmut Rabenau