140 Jahre Baptisten in Österreich
Gemeindejubiläum am 13. Dezember 2009
Im Archiv der Baptistengemeinde Wien-Mollardgasse finden sich in Leder gebundene „Erinnerungsblätter von der Baptisten-Gemeinde Wien“. Schlägt man dieses historische Dokument auf, wird erkennbar, dass es „Herrn Edward Millard, dem geliebten Ältesten der Gemeinde bei seiner Abreise nach Deutschland gewidmet“ ist, der es im April 1887 erhalten hatte. Einblick – Durchblick - AusblickEdward Millard war im Jahr 1849 im Alter von 27 Jahren als Direktor der „British and Foreign Bible Society“ nach Österreich gekommen und hatte von den Wiener Behörden die Erlaubnis zur Bibelverbreitung erhalten. In sechs Monaten konnte der Baptist fast 7000 Exemplare der damals in Wien gesprochenen Sprachen Deutsch, Böhmisch und Ungarisch verkaufen!
Glaubens- und Gewissensfreiheit?
Unterstützt durch den evangelischen Oberkirchenrat konnte Ende 1864 endlich ein Bibeldepot im Wiener Heinrichshof eröffnen werden, und Edward Millard kehrte als Direktor nach Wien zurück. Dennoch unterließ es die katholische Kirche nicht, die Verbreitung der „offenen“, dem Volk zugänglichen Bibel, zu verhindern.
Taufen und Gemeindegründung
Im Dezember 1869 machte Johann Gerhard Oncken auf der Rückreise von seiner großen Reise durch Südrussland und Südosteuropa bei Edward Millard in Wien Station. Bei dieser Gelegenheit wurden am 13. Dezember 1869 – heute vor 140 Jahren - fünf „liebe Gotteskinder“ durch Johann Gerhard Oncken getauft.
Existenz als religiöse Minderheit in Geschichte und Gegenwart
Mit der Gründung der Baptistengemeinde waren jedoch längst nicht alle Probleme gelöst, denn die Schikanen und Behinderungen durch staatliche Behörden dauerten viele Jahrzehnte an. Dazu muss man wissen, dass die Habsburg-Monarchie eng mit der dominierenden Katholischen Kirche zusammen arbeitete, um die Existenz religiöser Minderheiten zu behindern. Erst im Jahre 1921 war es den Baptisten in Österreich als nicht anerkannte Kirche möglich, durch die Gründung eines bis heute bestehenden „Hilfsvereins“ als juristische Person aufzutreten. Nun erst konnte ein Grundstück erworben werden. Verschiedenen Anträgen zur staatlichen Anerkennung - erstmals 1906, zuletzt 1990 - wurde von Seiten der staatlichen Behörden zunächst mit Verzögerung, dann mit Ablehnung begegnet. Endlich - vor 11 Jahren - bekamen Freikirchen in Österreich eine eigene Rechtspersönlichkeit als Religionsgemeinschaft. Aufgrund der Beschwerde der Adventisten beim Europäischen Gerichtshof sah sich der österreichische Staat gezwungen, im Eiltempo ein Gesetz für die Registrierung von Religiösen kenntnisgemeinschaften zu erlassen. In diesem Gesetz wurden aber die Hürden für die volle Anerkennung noch weiter erhöht! Dem 1953 gegründeten Bund der Baptistengemeinden in Österreich wurde im Jahr 1998 die Rechtspersönlichkeit als staatlich anerkannte eingetragene religiöse Bekenntnisgemeinschaft erteilt. Im Jahre 2009 hat nun der österreichische Bund – nach zehnjähriger Wartefrist - einen neuerlichen Antrag auf volle Anerkennung gestellt und plant im Falle einer Ablehnung eine Beschwerde wegen Nichtgewährung der Religionsfreiheit und Nichtbeachtung des Gleichheitsprinzips.
Gemeindealltag in der Hauptstadt Österreichs
Zur „Moga“ gehören Menschen aller Generationen, verschiedener familiärer und sozialer Hintergründe. Da die Gemeindearbeit sich nicht auf eine Zielgruppe beschränkt, erbringt die Gemeinde eine hohe Integrationsleistung,. Herausforderung für die Zukunft - Dokumentation der Geschichte Aufgrund der hier skizzierten Beobachtungen wird die Herausforderung für die Zukunft darin bestehen, den Menschen weiterhin mit dem Evangelium in Wort und Tat zu begegnen - nicht in apologetischer oder polemischer Weise, sondern durch die Position eines gewissen Glaubens, der nach dem Willen Gottes für den Einzelnen und nach der Relevanz für die Gesellschaft fragt und der, begründet in der biblischen Botschaft, zeitgemäße Antworten gibt.
Am 13. Dezember 2009 feierte die Gemeinde in der Mollardgasse ihr 140jähriges Jubiläum. Eine illustrierte Festschrift mit zahlreichen historischen und zeitgenössischen Dokumenten (Redaktion: Dr. Helmut Rabenau und Ruth Irmisch-Rabenau) ist unter dem Titel „Einblick – Durchblick – Ausblick“ erschienen und kann über Festschrift@moga.at angefordert und erworben werden. |