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Lange Nacht der Kirchen

Am Zaun eines Gartens hängt ein 10m langes Transparent. In großen Lettern darauf steht: Lange Nacht der Kirchen, 28. Mai 2010. Kopfschüttelnde Passanten fragen sich, was das Transparent dort zu suchen hat. Das Haus hinter dem Zaun sieht mehr oder weniger aus wie ein gewöhnliches - wenn nicht mehr ganz neues –Wohnhaus. Das soll eine Kirche sein? Und wenn es tatsächlich eine Kirche ist, was für eine wohl? Ganz sicher keine normale.

Die Gemeinde in Essling öffnet ihre Türen

Ob dieser Eindruck an dem besagten Abend bestätigt wird, ist nicht bekannt. Jedenfalls spielt kurz nach 18:00 die Band der Baptistengemeinde Wien Essling vor einem vollen Saal los. Der erste Programmpunkt: Lobpreis.Worship.Anbetung.Praise. Geleitet wird diese 45-minutige Anbetungszeit von einem Österreicher kongolesischer Herkunft. In der Band spielen Österreicher, Briten, Schweizer, und es wird Deutsch und Englisch gesungen. Neben den ganz normalen Dingen passieren auch unvorhergesehene. lndk3.jpg Es reißen -sage und schreibe- drei Gitarrensaiten. Der Raum ist voll, mit Gemeindemitgliedern aber auch mit noch nie da gewesenen Besuchern. Im Hintergrund schallt das Lachen und Plaudern von dem Begrüßungstrupp an der Strasse, Gemeindejugendliche in offiziellen roten Lange Nacht der Kirchen T-Shirts gekleidet, die hinter einem Infotisch stehen.
Das bis zu diesem Abend verregnete Wetter hat sich zum Besseren gewendet, - hat das diesbezügliche intensive Gebet etwas damit zu tun? – also kann das internationale Büffet doch im Garten aufgestellt werden. Nach der Anbetungszeit gibt es eine erste Pause, das Büfett wird eröffnet. Leute strömen in den Garten. Danach stellt sich heraus, dass die Großstadtmenschen, die sich in diesen Räumlichkeiten üblicherweise versammeln, für unsere Zeit doch ziemlich normal sind. Sie sind nämlich international. Mit vielen Beiträgen aus ihren Herkunftsländern bestätigen sie diese Vielfalt. Eine Rumänin singt Lieder.lndk1.jpg Eine Engländerin liest eine Kindergeschichte vor. Ein Amerikaner erzählt warum er in Österreich lebt. Eine Schwabin und dann eine Schweizerin erzählen (beide kabarettreif) von ihren Kulturen und von den Tücken der deutschen Sprache(n). Ein Schotte liest eigene Lyrik. Eine weitere Engländerin liest ein Gedicht. Ein Holländer zeigt Bilder seines Landes. Die vielen Besucher bleiben sitzen und hören zu und klatschen. Und belohnen sich in der nächsten Pause mit den Köstlichkeiten des Büffets und der lauen Abendluft im Garten, wo auch ein Lagerfeuer lodert.
Freitagabends geht es in den Gemeinderäumlichkeiten gewöhnlich ruhiger zu - bei der Gebetsversammlung. Dieser Freitag stellt einen Kontrast zu dieser Ruhe dar. Cello, Saxophon und Querflöte ertönen und begleiten eine halbe Stunde lang Bibelworte aus 1. Mose und dem Johannesevangelium. Danach wird es poppiger, es kommen Psalmen und Lieder in Eigenbau dran, von einer Band namens Justus. Im Garten brennt noch das Lagerfeuer. Der Büffettisch leert sich allmählich, die Zeit schreitet voran und es kehrt doch schlussendlich eine Art Ruhe ein. Es wird aufgeräumt, geredet und immer wieder gelacht.
Das Transparent prangt immer noch am Zaun. Eine lange Nacht war das ganz bestimmt. Aber eine Nacht der Kirche auch, in der ein unscheinbares Wohnhaus sich als einen Ort des Glaubens, der Gemeinschaft, der Kreativität und der Freude geoutet hat.

David Steele